Thomas Willems – Der Weg des Wanderers zwischen den Welten

Der Weg des Wanderers zwischen den Welten

«Es gibt Bücher, die man nicht lesen kann», schreibt Hermann Hesse. «Teile der Bibel gehören zu diesen Büchern, und das Tao-te-king. Aus diesen Büchern genügt ein Satz, um sich für lange zu füllen, für lange zu beschäftigen, für lange zu durchdringen.»

Das gleiche gilt für Bilder. In der Shanghaier Serie des Berliner Künstlers Sebastian Heiner Fließen verschiedene Farben und Formen wirbel-, wind-, und wellenförmig ineinander, so dass abstrakte Traumlandschaften entstehen, in denen sich der Betrachter verlieren und immer wieder neu (er-)Finden kann. Entstanden an den Bruchstellen der Geschichte und an Orten des Umbruchs, zeigen Heiners Bilder nicht das Blau des Himmels, sondern das Blau der Hochstrassen, die den Himmel über Shanghai durchkreuzen. In «Shanghai Obsession» scheint eine blaue Koralle in den Geisterverkehr der Großstadt geraten zu sein. Die kraftvollen, temporeichen Striche tragen die Signatur der Gewalt und erinnern an Brems- und Überholspuren, mit denen die Geschichte in Shanghai zum Verschwinden gebracht wird. Davon zeugen auch die übermalten Blumen der Jugendstiltapete, die als Grundierung dient. Natur und Geschichte werden im Prozess der turbokapitalistischen Modernisierung zu fremden, ornamentalischen Artefakten, denen nur noch eine dekorative Funktion zukommt oder die sich, wie im Gemälde «Bang», in einem farblichen Urknall auflösen. Ähnliches gilt für das Bild «Yang Shu Pu Lu», das den Straßennamen schon im Titel trägt und als Fortsetzung der Shanghai Obsession «geschaut » werden kann. Hier haben sich die Striche bereits zu Flächen verwandelt und die Natur/Geschichte planiert. Das Blau ist vom Zentrum in die Peripherie gewandert umgesiedelt worden) und hat die Bühne frei gemacht für den bizarren Kampf zwischen einem sich windenden Drachen und einem sich auFlösenden Totenkopf. Dieser Totenkopf, der dem westlichen Betrachter das barocke Motiv des «Memento mori» (Gedenke, dass du sterben musst) vor Augen führt, erinnert an die Vergänglichkeit des Menschen und der Welt. Während der Drache im Westen als gott- und menschenfeindliches Symbol für das Chaos gilt, bringt er im Osten Regen- Glück und Fruchtbarkeit.

An dieser symbolischen Schnittstelle, an der die Bilder des in beiden Kulturen malenden Künstlers Sebastian Heiner angesiedelt sind, kann das abstrakte Motiv, je nach kulturellem Blickwinkel, entweder Apokalypse oder Erlösung, beides zugleich oder auch nichts bedeuten.

So gesehen ist Sebastian Heiners Kunst weniger ein Werk als ein Weg. Ein Weg des (Nicht-)Sehens und (Nicht-)Erkennens sowie des (Nicht-)Seins im Sinne des chinesischen Dao. Denn so wie das daoistische Prinzip die Polaritäten des Yin und Yáng hervorbringt, aus denen die «Zehntausend Dinge» entstehen, so bringt das expressive Form- und Farbenspiel des heinersches Oevres Wandel, Bewegung und gegenseitige Durchdringung hervor, welche wiederum die zehntausend Dinge (Assoziationen) im Kopf des Betrachters erschaffen. An diesem Punkt wohnt der heinerschen Abstraktion die daoistische Potentialität aller Formen inne, die in einem betrachtenden Schöpfungsakt zur Welt kommen können – oder auch nicht. Denn sowohl das Sein als auch die Leere gehören zum Dao, das sich den intellektuellen Begriffen und Deutungen ebenso entzieht wie der abstrakte Expressionismus, in dessen Tradition Sebastian Heiners Bilder stehen.

Zwar ist es verlockend, Heiners Bild «Würgeengel» auf der surrealen Folie von Luis Buñuels gleichnamigen Film aus dem Jahr 1962 zu «deuten» und in den roten, sogförmigen Schwingungen des Gemäldes einen komplexen Flügelschlag der Psyche zu erkennen. Oder in «Dancing Queen» den menschlichen Spuren eines weiblichen Körpers nachzuspüren, der von heftigen Tanzbewegungen bedeckt zu sein scheint. Aber all diese deutenden Annäherungsversuche führen auf virtuellen Um- und Abwegen ins Absurde und vielleicht sogar darüber hinaus an die Grenzen des menschlichen Verstandes, wo nur noch der Verweis auf die Wirkung der Kunst möglich bleibt.

In dieser Wirkung aber liegt das Geheimnis des Daos und der heinerschen Bilder. Denn lässt man sie ohne Aktivität und Absicht auf sich wirken, gehen die Dinge irgendwann aus ihnen hervor und verursachen einen inneren Wandel, der jedem Betrachter sein eigenes Dào, seinen eigenen Weg vor Augen führt. An diesem meditativen und beinahe mystischen Punkt, nähert sich Sebastian Heiners Kunst über einen expressionistischen Pfad der chinesischen Landschaftsmalerei an, die ebenfalls meditativ wirkt, dabei aber auf Farben verzichtet. Gleichzeitig besitzen manche seiner Bilder nicht nur etwas naiv-märchenhaftes («Lily in wonderland»), sondern sogar etwas Magisches. Das liegt nicht allein an Titeln wie «Witches Spring» oder «Chinese Ghost», vielmehr verströmen die Bilder eine besondere Aura («Sunny afternoon», «Vanilla Sex») und strahlen eine positive Energie aus, die das Gemüt erhellt. Diese Bilder besitzen eine Art Eigenleben (Qi) und schreiben damit die Tradition der chinesischen Tuschemalerei fort. Andererseits dringen sie durch ihre offene Form ins Unbewusste ein, lösen eine Sehnsucht aus und knüpfen so an die westliche Tradition der Romantik an.

An dieser imaginären (Kunst-)Grenze baut der 1964 in Berlin geborene Meisterschüler von Klaus Fußmann mit seinem Werk eine Brücke zwischen Ost und West. Als Wanderer zwischen den Welten verwandelt er westliche und östliche Impressionen in Farben und lässt sie als Energien in seine Bilder einfließen. Die so entstehenden visuellen Kraftzentren, schreiben auf eigenwillige Weise Traditionen fort, überwinden Differenzen und schaffen etwas Neues. Da Sebastian Heiner während seiner Performances oft mit Musik malt, kann man seine Bilder auch als Partituren lesen: Jeder Strich ein Ton, jede Kurve eine Melodie, so dass gemalte Lust-, und Passionsspiele entstehen, die scheinbar einer höheren Harmonie gehorchen.

Dagegen erinnern Heiners unkonventionelle Mal-Requisiten wie Reisigbesen, Fliegenklatsche und Nudelsieb an das Werkzeug eines modernen Schamanen, der sich im Akt des Malens in einen besonderen Bewusstseinszustand versetzt, um seine orakelhaften Bilder-Welten zu schaffen. Nicht zufällig wirken manche der von Kerben und Linien durchzogenen Bilder Heiners wie durch Hitze aufgeplatzte Schildkrötenpanzer, aus denen man in China vor langer Zeit das Schicksal las. So gesehen kann man Sebastian Heiners Kunst letztlich auch als moderne Fassung des Buchs der Wandlungen (I-Ging/Tao-te-king) betrachten: Denn ein Blick auf dieses wundersame Werk des Berliner Künstlers genügt, um uns für lange Zeit zu erfüllen und vielleicht sogar ein wenig zu verwandeln, weil ihm ein geheimer Zauber innewohnt, der uns beglückt und der uns hilft, zu leben.

Thomas Willems
Shanghai, 11.Nov.2010